Von: Focus Money Online · von SASCHE ROSE
Der Goldpreis steigt auf mindestens 2000 Dollar
Für den bekannten Rohstoffexperten Jim Rogers gehört Gold heute in jedes Depot. Denn vor allem die Zukunft der USA und damit des Dollars sieht er alles andere als rosig. Aber auch Rohstoffe wie Silber und Zucker sollten Anleger laut Rogers als reale Werte im Depot haben, ebenso Währungen der Rohstoffländer Kanada und Australien
FOCUS-MONEY: Eine Feinunze Gold kostet wieder deutlich mehr als 1500 Dollar. So manche Goldpropheten sehen den Preis des Edelmetalls bereits bei 5000 Dollar und mehr. Ist das wirklich realistisch?
Jim Rogers: Heutzutage scheint alles möglich. Allerdings ist der Goldpreis schon seit zehn Jahren nahezu unaufhörlich gestiegen. Das kann noch weitergehen, warum nicht. Doch alles, was so stark ansteigt, muss auch einmal wieder etwas an Wert verlieren. So wird es auch bei Gold sein. Vielleicht geht es die kommenden Wochen und Monate noch etwas weiter nach oben, dann aber dürfte der Goldpreis wohl eine kleine Pause machen.
MONEY: Gehen Sie davon aus, dass der Goldpreis erst einmal sinken wird?
Rogers: Das sollte er, zumindest kurzfristig. Gold ist, von seinem Allzeithoch aus gesehen, zuletzt nur etwa sechs Prozent gefallen. Das ist nicht wirklich viel. Normalerweise korrigieren Dinge wie Rohstoffe jedes Jahr 20 bis 30 Prozent. Ich wünsche mir sogar eine Korrektur, weil dann der langfristige Trend viel nachhaltiger sein würde. Wenn Gold fällt, werde ich mehr davon kaufen.
MONEY: Sie würden also erst dann wieder in Gold investieren, wenn der Preis beispielsweise bei 1200 oder gar 1000 Dollar notiert?
Rogers: Das kann man so pauschal nicht sagen. Sehr wahrscheinlich würde ich auch schon bei einem Rückgang von 15 Prozent anfangen, wieder welches zu kaufen. Ich selbst besitze bereits seit Langem Gold und schaue daher in erster Linie auf günstige Kaufgelegenheiten.
MONEY: Was sollten dann Anleger tun, die bislang noch kein oder nur sehr wenig Gold haben, aber darüber nachdenken, in das Edelmetall zu investieren?
Rogers: Nun, sie sollten möglichst bald etwas davon kaufen. Denn Gold gehört heute in jedes Depot. Und sobald der Preis noch einmal korrigiert, machen sie es wie ich und kaufen weiteres Gold nach.
MONEY: Wo wird Ihrer Meinung nach der Goldpreis in den nächsten Jahren stehen? Sie gaben zuletzt immer eine Schätzung bis zum Jahr 2020 ab.
Rogers: Ich sage schon seit Längerem etwas ganz Simples: Gold notiert am Ende dieses Jahrzehnts bei 2000 Dollar. Das ist, vom jetzigen Stand aus gesehen, nicht mehr viel, ich weiß. Vor einigen Jahren glaubten nur wenige Menschen an einen solchen Preis. Heute ist einigen die Prognose schon fast zu wenig. Aber es ist auch nur ein Mindestpreis, den ich nenne.
MONEY: Gold könnte also auch teurer werden?
Rogers: Das kann gut sein. Vielleicht wird Gold schon früher so viel kosten, vielleicht wird es 2020 deutlich mehr wert sein als die von mir genannten 2000 Dollar. Eine genaue Schätzung ist schwer. Wo ich mir auf jeden Fall sicher bin, ist, dass der Preis für die Feinunze Gold langfristig weiter steigen wird.
MONEY: Bei Gold hat sich also Ihrer Meinung nach noch keine Blase gebildet. Einige Skeptiker warnen angesichts eines Preises von mehr als 1500 Dollar bereits vor einer Goldhysterie.
Rogers: Wie ich bereits sagte, erwarte ich, dass Gold in diesem Jahrzehnt teurer wird. Ich sagte aber auch, dass es eine Korrektur geben wird. Wie groß sie ausfällt, kann ich allerdings nicht beziffern. Eine Blase haben wir allerdings noch nicht.
MONEY: Was macht Sie da so sicher?
Rogers: Ganz einfach. Bislang besitzen einfach noch viel zu wenige Menschen tatsächlich Gold. Vielmehr gibt es in den USA und anderen Ländern sogar einige Menschen, die etwa ihr Altgold verkaufen. Ich sage Ihnen, eines Tages werden genau die wieder vor den Geschäften stehen und Gold kaufen. Ich denke, erst wenn alle etwas von etwas haben, kann man von einer echten Blase sprechen. Davon sind wir bei Gold aber noch ein ganzes Stück weit entfernt.
MONEY: Wann könnte es so weit sein?
Rogers: Das hängt von vielen Dingen ab. Es kann noch zehn oder fünfzehn Jahre dauern oder auch nur zehn oder 15 Monate. Ich weiß es nicht genau. Die Blase beim Goldpreis wird jedoch irgendwann da sein und platzen. Bis dahin sollten Anleger aufmerksam die Nachrichten im Fernsehen und Internet verfolgen sowie Zeitung lesen. Und beispielsweise darauf achten, wann es bei Schmuck- und Goldhändlern nicht mehr heißt: „Wir kaufen Gold“, sondern „Wir verkaufen Gold“.
MONEY: Befürchten Sie nicht, dass Gold auf Grund steigender Zinsen bereits vorher an Attraktivität verliert? Immerhin verdienen Anleger damit selbst keine Zinsen.
Rogers: Kurzfristig könnte das den Goldpreis durchaus belasten. Allerdings dauert es meiner Meinung nach noch eine Weile, bis die Zinsen so stark gestiegen sind, dass der Goldpreis nachhaltig darunter leidet. Ab wann Investoren aber tatsächlich kein Interesse mehr an Gold haben werden, hängt auch von vielen anderen Dingen ab.
MONEY: Anleger sollten sich also nicht von ihren Goldbeständen trennen?
Rogers: Verkaufen Sie auf keinen Fall Ihr Gold! Ich zumindest werde es vorerst nicht tun, sondern werde immer wieder welches kaufen, sobald die Gelegenheit günstig ist.
MONEY: Im Moment sind viele Anleger besonders optimistisch gestimmt für den Goldpreis. An einer steigenden Nachfrage nach Goldschmuck oder -barren und dem begrenzten Angebot liegt es sicher nicht allein. Was sind derzeit die entscheidenden Preistreiber bei Gold?
Rogers: Zunächst einmal kaufen Zentralbanken erstmals wieder Gold. Zuvor haben sie es sehr lange nur verkauft. Das hat eine große Veränderung am Goldmarkt ausgelöst. Wichtiger aber ist die politische und wirtschaftliche Entwicklung in der Welt. Wenn es so weitergeht wie bislang, gibt es bald einen richtigen Ansturm auf Edelmetalle.
MONEY: Was meinen Sie damit?
Rogers: Immer mehr Menschen sind um den Wert des Papiergelds besorgt. Ich übrigens auch. Gold ist längst mehr als nur ein Rohstoff, es ist für viele eine Währung.
MONEY: Vertrauen Sie überhaupt noch dem Papiergeld?
Rogers: Das kommt darauf an. Ich investiere durchaus in Währungen. Allerdings bevorzuge ich das Geld großer Rohstoffländer. Ich besitze beispielsweise kanadische und australische Dollar. Die beiden Länder profitieren vom steigenden Rohstoffhunger auf der Welt, die Politik leistet gute Arbeit, und Unternehmer können ihre Ziele nahezu uneingeschränkt verfolgen.
MONEY: Haben Sie auch brasilianische Real oder südafrikanische Rand?
Rogers: Nein. Die Länder besitzen zwar auch viele Rohstoffe, werden aber von den Regierungen schlecht geführt.
MONEY: Und was ist mit dem US-Dollar? Immerhin hat er sich gerade in Krisenzeiten überraschend oft als sicherer Hafen entpuppt.
Rogers: Im Herbst 2010 habe ich noch US-Dollar gekauft. Die habe ich bis heute. Alle sind nach wie vor pessimistisch für den US-Dollar. Das könnte am Ende dazu führen, dass er noch einmal eine kurze Rally startet. Wenn er dann an Wert gewinnt, verkaufe ich alle meine US-Dollar. Anschließend werde ich wohl aber keine neuen mehr kaufen.
MONEY: Sie halten also nicht viel vom US-Dollar?
Rogers: Welchen Grund gäbe es dafür? Noch flüchten die Menschen zwar in den US-Dollar, sobald es in der Welt irgendwo kracht. Aber die US-Währung wird in Zukunft kein sicherer Hafen mehr sein. Im besten Fall verliert sie nur weiter an Wert. Ich denke aber, dass der US-Dollar langfristig in einem richtigen Desaster endet.
MONEY: Weil die USA massive wirtschaftliche und finanzielle Probleme bekommen werden?
Rogers: Die haben sie längst. Die Regierung der USA und die Notenbank Fed versuchen alles, um der Wirtschaft wieder auf die Beine zu helfen. Dafür geben sie eine gigantische Menge an Geld aus.
MONEY: Das tun andere Länder aber auch.
Rogers: Das stimmt. Die USA sind aber nicht nur die größte Wirtschaftsnation der Welt, sondern gleichzeitig auch das größte Schuldenland in der Geschichte. Und die Politiker finden einfach nicht die richtigen Mittel, die Probleme dauerhaft und nachhaltig zu lösen. Sie drucken einfach nur Geld, Geld und noch mehr Geld. Leider verschlimmert das die Lage nur noch.
MONEY: Die Fed hat doch aber angekündigt, das sie das Programm QE2 (Quantitative Easing) im Juni auslaufen lässt und damit den Ankauf von Staatsanleihen beendet. Somit würde doch vorerst kein frisch gedrucktes Geld mehr in die Märkte gepumpt.
Rogers: Ich denke, dass es für eine gewisse Zeit so kommen wird. Die Fed hat es zuletzt so oft angekündigt. Wenn sie es nicht macht, stehen sie noch mehr als Dummköpfe da, als sie es ohnehin schon tun. Aber im Herbst dieses oder spätestens Anfang nächsten Jahres werden die altbekannten Probleme zurückkehren. Dann müssen sie neues Geld drucken. Ob sie wollen oder nicht.
MONEY: Wo wird das am Ende hinführen?
Rogers: In den USA hatten wir immer wieder eine größere Rezession. Und immer wieder ging es danach mit der Wirtschaft aufwärts. Der nächste Rückschlag wird schlimmer sein als alles andere zuvor. Dann werden die USA wahrscheinlich nicht mehr in der Lage sein, dem etwas entgegenzusetzen. Es gibt überhaupt nicht so viel Baumwolle auf der Erde, um das Geld zu drucken, was die USA dann bräuchten (US-Banknoten werden nicht aus Papier, sondern aus Baumwolle gefertigt, Anmerkung der Red.).
MONEY: Sie geben also nicht mehr viel auf die USA und den US-Dollar?
Rogers: Die USA werden ein echtes Problem bekommen, sollte die Weltwirtschaft erneut einknicken. Das Vertrauen in den Dollar dürfte spätestens bei der nächsten großen Rezession rasant schwinden. Außer die Regierung in Washington fängt an, ihren Schuldenberg abzubauen.
MONEY: Auch in Europa gibt es Probleme mit hochverschuldeten Ländern. Griechenland etwa steht unmittelbar vor einer Staatspleite. Portugal und Irland steuern geradewegs darauf zu. Was heißt das für den Euro?
Rogers: Ich finde es schlecht, was gerade in Europa passiert. Ich verstehe vor allem Deutschland nicht. Warum sollen deutsche Steuerzahler für die Griechen bezahlen, die am Strand liegen, Bier trinken und über ihre finanzielle Situation lügen? Griechenland ist pleite, und jeder politische Versuch, das in die Zukunft zu verschieben, ist verrückt.
MONEY: Also sollten Euro-Land und die EU die hochverschuldeten Länder am besten bankrottgehen lassen?
Rogers: Das Beste wäre es. Dann könnten die Länder wieder neu starten. Investoren würden kommen und die Wirtschaft umstrukturieren. Gesunde Mitglieder würden am Ende Europa und dem Euro helfen. Für Anleger wie mich wäre das zumindest ein klares Zeichen, dass der Euro eine gut gemanagte Währung ist. Dann könnte der Euro sogar den US-Dollar als Leitwährung ablösen.
MONEY: Aber?
Rogers: Wenn die Europäische Union so weitermacht wie bisher und völlig überschuldete Mitglieder weiter durchschleppt, wird der Euro wahrscheinlich nicht überleben. In zehn oder 15 Jahren könnte es ihn dann vielleicht schon nicht mehr geben.
MONEY: Das klingt nicht besonders vertrauenerweckend. Was können Anleger Ihrer Ansicht nach tun, außer in Gold zu investieren?
Rogers: Rohstoffe kaufen. Wenn die Weltwirtschaft gut läuft, werden die Preise steigen, weil das Angebot der steigenden Nachfrage nicht folgen kann. Wenn die Weltwirtschaft hingegen nicht gut läuft, müssen die Regierungen noch mehr Geld drucken. Dann werden die Inflationssorgen steigen und Sachwerte wie Rohstoffe gefragt sein.
MONEY: Wir haben zuletzt bei einigen Rohstoffen allerdings einen mitunter deutlichen Preisrutsch gesehen. Ist jetzt ein guter Zeitpunkt, in Rohstoffe zu investieren?
Rogers: Sicher haben wir Rückschläge gesehen. Das war aber eher eine Korrektur, wie es in jedem nachhaltigen Bullenmarkt der Fall ist. Die Rally bei den Rohstoffen ist damit aber noch lange nicht zu Ende.
MONEY: Gilt das auch für Silber?
Rogers: Silber hat sich zuletzt um mehr als 30 Prozent verbilligt. Zuvor ist der Preis allerdings auch innerhalb eines Monats um gut 25 Prozent gestiegen. Das dürfen viele Anleger nicht vergessen. Ich bin letztlich sogar froh, dass es nach unten ging. Das ist zumindest gesünder als ein pausenloser Anstieg. Der Preis wird sicher wieder über 50, wenn nicht sogar über 100 Dollar je Feinunze steigen. Ich zumindest investiere in Silber.
MONEY: Welche Rohstoffe favorisieren Sie noch?
Rogers: Ich bevorzuge Agrarrohstoffe. Viele notieren weit unter ihrem Allzeithoch. Der Zuckerpreis etwa ist in den vergangenen Jahren zwar deutlich gestiegen, liegt aber dennoch 70 Prozent unter dem Höchststand von 1974. Ich kenne nicht viele gute Investments, die heute 70 Prozent billiger sind als vor 37 Jahren.
MONEY: Und wie sieht es mit Öl aus?
Rogers: Ich denke, dass auch Öl teurer wird. Ich weiß aber nicht, ob in diesem Jahr oder vielleicht erst 2018. Sicher ist aber, dass Öl bald mehr als 200 Dollar kosten dürfte.
MONEY: Sollten Anleger außer in Rohstoffe selbst auch in Rohstoffunternehmen investieren?
Rogers: Wenn sie die Funktionsweise der Rohstoff-Terminmärkte verstehen, sollten sie besser dort investieren. Wenn sie ein gutes Händchen bei Aktien haben, können auch Minenbetreiber und Ölproduzenten viel Geld bringen. Sollten Sie etwa ein Unternehmen kennen, das in Berlin Erdgas findet, kaufen Sie es. Allerdings kann der Wert einer Aktie auf null fallen, wie das Beispiel des früheren US-Gaskonzerns Enron gezeigt hat. Wie wahrscheinlich ist es hingegen, dass der Preis von Erdgas auf null Dollar fällt?
MONEY: Und was machen Anleger, die sich mit den Eigenheiten des Rohstoffmarkts nicht so gut auskennen?
Rogers: Rohstoffindizes bieten dann eine gute Möglichkeit. Sie decken den gesamten Rohstoffmarkt oder einzelne Bereiche ab wie etwa Agarrohstoffe.
VITA Jim Rogers Geboren am 19. Oktober 1942 in Demopolis/Alabama 1970 Gründung des erfolgreichen Hedge-Fonds Quantum zusammen mit George Soros 1980 steigt Rogers aus, macht zwei Weltreisen und schreibt mehrere Bücher. 2008 zieht der verheiratete Vater zweier Töchter von Manhattan (New York) nach Singapur.



